Wie Werner Heiland mit der Engel Schall einen Beitrag für die Physik leistete

Eberhard R. Hilf, Oldenburg; 5. März 2002

In der Ruhe liegt die Kraft, -und die strategische Übersicht, - und sie kann in Zeiten des politischen Umbruchs segensreiche Früchte tragen,- wenn dabei die himmlischen Namen mithelfen.

Und das kam so:

Der mir damals unbekannte Mensch und Physiker Prof. Dr. W. Heiland lud einen theoretischen Physiker aus dem fernen Usbekistan nach Osnabrück ein, den ich vorher 1990 in Regierungsauftrag [-''was muss die Bundesregierung tun, damit die Physiker nach dem politischen Aufbruch der Sowjetunion an ihren Instituten bleiben, dort leben und sinnvoll forschen können?''] in Tashkent aufgesucht hatte. Als Werner vom Gast [von uns wegen seines roten Haarkranzes auch 'Pumuckel' genannt] erschöpft war, kam er auf die naheliegende Idee, ihn zu uns nach Oldenburg zu fahren und so weiter zu reichen. So lernten wir Werner kennen, -bei der Stafettenübergabe.

Am Abend, es war der Tag der Vereinigung mit den östlichen Bundesländern, tranken dann meine Frau Sigrid und ich einen Rotwein mit einem Ehepaar aus Rügen, während sich unser russischer Gast kaum traute, teilzunehmen, weil er zu Unrecht befürchtete, wir würden uns nationalistisch freuen [Er selbst ging dann bald nach USA, für immer...]. Am nächsten Tag, vom Besuch erschöpft, kamen wir wiederum auf die naheliegende Idee, nach Osnabrück zu fahren und den Gast wieder zurückzureichen...

So begann unsere wunderbare Freundschaft von Sigrid und mir mit Tilde und Werner. Wir entdeckten Kunstgemeinsamkeiten im Emder Museum, und eine seelenverwandte Sicht der weiten Welt und Zeitläufte.

Kunstgemeinsamkeit? Seelenverwandt? Diese Beiden wirkte nun das Schicksal zusammen, als Werner am 50.ten Geburtstag von Sigrid neben meine Schwester Hadmut zu sitzen kam. Als Malerin und mit der Fähigkeit, auch auf trockene Physiker mutig zuzugehen, entwickelte sich offensichtlich ein intensives und weitgespanntes Gespräch, über die Kunst, Malerei, über neue und alte Maler und ihre Wirkkraft bis in die jetzige Zeit. Dabei wurde auch Lucas Cranach (der Ältere und der Jüngere) gestreift, wobei beide gleichzeitig so nebenbei bemerkten, daß dieser zu ihren Vorfahren gehöre. Beide? Ja, da ertönte der Engel Trompetenschall: Wir sind verwandt!! Und das seit vielen hundert Jahren!! Bei dem nächsten Treffen in Oldenburg verglichen wir dann die Ahnen-Unterlagen, und siehe da: Beidseitig gut dokumentiert, konnten wir Feinheiten austauschen, wie etwa kleine Korrekturen der Schreibweise von Vornamen von gemeinsamen Verwandten von vor fünfhundert Jahren. Und, klar doch, sie hießen mit Nachnamen oft Engelschall oder riskierten ihr Leben im Universitätsleben [so wurde der Kanzler Brück (Pontanus) auf dem Marktplatz zu Jena geachtteilt, nachdem er die Universität Jena gegründet hatte (1)].

Sicher, bei exquisitem Essen zu viert, und während genauer Informationen zu Kindern, Schul- und Gesundheitspolitik, Musik und Malerei, haben Werner und ich auch über Physik gesprochen: bei so viel Gemeinsamkeiten hatten wir, kein Wunder mehr, auch gemeinsame Arbeitsthemen in der Physik: atomare Cluster, Ionen-Impact, Oberflächenaggregation. Es gab gemeinsame Workshops (OOG: Osnabrück-Oldenburg-Groningen Seminar), wir nahmen aktiv an seiner internationalen Konferenz auf Wangerooge IISC12 teil (2), und unsere wissenschaftlichen Mitarbeiter publizierten schließich auch eine gemeinsame Arbeit zur geometrischen Strukturbildung von Oberflächenaggregationen von Fremdatomen,- experimentell und theoretisch mit quanten-statistischen Methoden (3). Der zweite Teil der Theorie, die experimentellen Ergebnisse, geometrische Formen und Muster der Aggregationsstrukturen, mittels semiempirischer, analytischer, theoretisch abgeleiteter Formeln vorherzusagen, blieb leider unveröffentlicht, die vielen Entwicklungs-Fäden mit offenen Enden vermehrend.

Nun also wird auch Werner vom Staat weiter bezahlt. Aber bar jedweder volkswirtschaftlicher Vernunft möchte der Staat, daß er nicht mehr in der Physik arbeitet (was ja gewisse Resourcen erfordert, aber ungeheuer preiswerte, kompetente und erfahrene Arbeitskraft abschöpfen würde, wie im Ausland fast weltweit üblich).

Als Älterer habe ich ihm diesen Schritt schon zwei Jahre voraus, und gelernt: der gewünschte radikale Schnitt befreit,- von den täglichen selbst generierten Zwängen der deutschen Hochschulen, von den strukturbedingten Schwierigkeiten der dauernden Kompromisssuche zwischen Kollegen, weil die Hochschulen keine professionellen Management- und Entscheidungs-Strukturen haben, von der Vielfalt der selbsterzeugten Lasten in den Gremien, z.B. zur Raumverteilung, wo doch absurderweise an deutschen Hochschulen meist die Räume von Arbeitsgruppen festgeschrieben sind, unabhängig von der Zahl ihrer Diplomanden, - und von Vorlesungen zu Studenten, die vielleicht nicht den Stoff lernen sondern nur Examen machen wollen, denen das Tempo des Vorangehens entweder zu langsam oder zu schnell ist (der Dozent kann ja nicht gleichzeitig in verschiedenen Tempi lesen)..

Was bleibt und was kommt wissen wir nicht. Aber was unsere Aufgabe in der Gesellschaft ist, wissen wir schon: Unbeschwert vom Geld verdienen-müssen und solange die Kräfte gegeben sind, sich dem zuzuwenden, was man selbst für sich und Andere für sinnvoll erachtet, was man leisten kann, also einen originären und vielleicht originellen, aber nicht notwendig bedeutenden Beitrag zur Zukunft zu leisten, -befreit von der Gegenwart.

Und da mag die Beleuchtung der fernen Vergangenheit, - wie haben unsere Ahnen sich in schwieriger Zeit entschieden, und was können wir, die wir die weitere historische Entwicklung seit damals kennen, daraus lernen-, ebenso tragfähig sein, wie die Arbeit an den Werkzeugen für die Wissenschaftler an Hochschulen der Zukunft:

So wandeln wir Alten uns von aktiven Gestaltern der Gegenwart zu Ratgebern und vielleicht Wegvorbereitern, - den Weg selbst muß nun die nächste Generation gehen.

Literatur:

  1. Der Gründer der Friedrich Schiller Universität Jena, gemeinsamer Verwandter von Werner Heiland und des Autors: Kanzler Brück (Montanus),im Jahre 1657 vor [http://physnet.uni-oldenburg.de/~hilf/hilf-brueck.gif] und nach seiner Achtteilung auf dem Marktplatz, weil er in den Bauernkriegen auf der Seite der Bauern stand [http://physnet.uni-oldenburg.de/~hilf/hilf-vierteilung2.gif].
  2. M. Wehofsky, D. Martin, K. Koch, W. Tuszynski and E.R. Hilf,
    Characterization of Photons Produced in Solid Films of Organic Molecules by the Impact of 252Cf-Fission Fragments; [NIM (Nuclear Instruments and Methods B 125 pp.71-76 (1997)
    at 11th International Workshop on Inelastic Ion-Surface Collisions (IISC-11), Wangerooge, Germany, September 22 - 27, 1996: Chairman: W. Heiland
  3. S. Speller, T. Rauch, J. Bömermann, P. Borrmann, W. Heiland:
    Surface structures of S on Pd(111)
    Surface Science 441, pp. 107-116 (1999)
  4. PhysNet, a worldwide Physics information system [http://www.eps.org/PhysNet/].
  5. Scientific Refereeing in a Distributed World, E. R. Hilf and H.-J. Wätjen; Workshop on OAi and Peer Review Journals in Europe; CERN, 3.2001
  6. BMBF-Projekt der fünf Norddeutschen Hochschulen: PMM Physik Multimedial Lehr- und Lernmodule für das Studium der Physik als Nebenfach [http://www.physik-multimedial.de]
Eberhard R. Hilf [homepage: http://physnet.uni-oldenburg.de/~hilf/],
CEO Institute for Science Networking Oldenburg GmbH [http://isn.uni-oldenburg.de];

Oldenburg, am fünften März 2002