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Zehn Jahre Open Access, - und nun die wirtschaftliche Nutzung?

Eberhard R. Hilf
Geschäftsführer der Institute for Science Networking Oldenburg GmbH an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg ISN

31. August 2004

Dieses Dokument ist die online-Fassung des gedruckten Originals.
Bitte referenzieren Sie zum Original als:

Hilf, E. R. (2004): Zehn Jahre Open Access - und nun die wirtschaftliche Nutzung? In: Medien Wirtschaft - Zeitschrift für Medienmanagement und Kommunikationsiökonomie, Jg. 1, Nr. 3, S. 146-148. und bestellen sich beim Verlag MedienWirtschaft eine gedruckte Fassung. Diese Fassung hier ist nur für die Online-Verwendung gedacht.

Vor zehn Jahren begann eine tiefgreifende Umwälzung der Kommunikationswege und Methoden in den Wissenschaften, ausgelöst durch die neuen technischen Möglichkeiten des World Wide Web, -ein radikalerer Umbruch als die Verdrängung der Kutsche durch das Automobil,- zunächst weitgehend unbemerkt? Die Folgen und ökonomischen wie volkswirtschaftlichen Chancen werden merkwürdigerweise erst jetzt, zehn Jahre später, allmählich erkannt und nur zögernd realisiert. Wir wollen dieses Phänomen hier etwas beleuchten. Vielleicht hilft dies, zukünftig rascher wirtschaftliche Chancen bei entsprechenden technisch-wissenschaftlichen Innovationen zu nutzen?

1994, auf nationalen und internationalen Workshops und Tagungen (u.a. APS-ePRINT Workshop, und darin: E.R.Hilf, Integrated Information Management in Physics ) Physik - Projekt [Eberhard R. Hilf, Vortrag, DMV-Workshop, 28.6.1994), Physik - Informatik; Kooperation in der Fachinformation, Integrierendes Informations-Management in der Physik [Eberhard R. Hilf, Vortrag auf der 1. Sitzung der ELFIKOM Arbeitsgruppe elektronische Fachinformation und Kommunikation, Deutsche Physikalische Gesellschaft DPG 11.7.1994 in Oldenburg, und in entsprechenden Anträgen an die EU (DDD Multimedia scientific Distributed Document Database in Physics) und das BMBF (Physik-Antrag), und auf neueren zusammenfassenden internationalen Konferenzen IuK99 - Dynamic Documents in Jena, 22.3.1999, waren sich die Wissenschaftler weitgehend einig: Das von Tim Berners Lee und Robert Cailliau 1993 erfundene Word Wide Web wird den Austausch von Informationen auch in der Wissenschaft tiefgreifend revolutionieren und grundlegend leistungsfähiger machen und von seinen durch den Papierdruck auferlegten Fesseln befreien. Zu den Fesseln zählten:
- langer Zeitverzug vom Einreichen eines Manuskriptes bis zum Gelesen werden,
- komplizierter Vertriebsweg vom Verlag über Grossisten zu Bibliotheken,
- horrende Kosten (ca. 3.000,- Euro für die gesamte Verlagsarbeit je Artikel) mit den daraus folgenden horrenden Zeitschriftenpreisen,
-und daraus folgend wenige Leser, auch noch ungleich in der Welt verteilt (digital divide),
- unvollständige Information (aus Platzmangel), was Nachnutzungen und das Nachprüfen erschwert und somit auch Fälschungen erleichtert,
-nur anonymes Referieren vor der Veröffentlichung, was den Missbrauch erleichtert.

Die Wirtschaft könnte alles leisten, was wir an neuen innovativen professionellen Diensten brauchen, um das technische Potential der neuen Technik für den Wissenschaftsprozess nutzbar zu machen. Der Staat wird alles zahlen, wie er es für die Forschung immer tat, wenn es denn den Forschungstandort im internationalen Vergleich und damit die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärkt.

Die großen Verlage haben aber seit 1994 den Weg beschritten: ''da wir mit unserem Haushalt vom jetzigen Geschäftsmodell abhängen, wollen wir dieses längstmöglich aufrechterhalten. Wir machen nichts''. Und so blieb es dann auch in Deutschland zehn lange Jahre. Die Industrie ''schläft'', -verhält sich taktisch richtig. Taktisch geschickt, aber strategisch klug?

Die großen Wissenschafts-Verlage halten militant (z.B. der jetzige lautstarke Kampf zur Novellierung des Urheberrechtsgesetzes), am bisherigen Geschäftsmodell fest, dass ihnen derzeit sichere und leicht verdiente Einnahmen sichert. Das Monopol auf den Vertrieb des jeweiligen Dokumentes erlaubt, die Preise beliebig zu steigern bei rasch sinkenden Herstellungskosten. Man versucht, dies auch für online-Fassungen und digitale Kopien festzuschreiben.

Was taten die Wissenschaftler in den zehn Jahren?
Sie entwickelten seit 1994 weltweit verteilte und innovative Dienste, die alle professionellen Fachinstitute nach Dokumenten absuchen, die jeweils lokal von den Wissenschaftlern auf den Institutsserver abgelegt wurden (''individual self-archiving''), wie z.B. Math-Net oder PhysNet. Die großen Forschungsinstitute richten Online-Archive der in ihrer Institution erstellten Dokumente ein, z.B. CERN, MPG eDoc System, GSI Darmstadt DoRe GSI Document Retrieval System, sowie die in GAP German Academic Publisher zusammengeschlossenen Universitätsverlage
''institutional selfarchiving''. Hinzu kommen zentrale Archive für wissenschaftliche online-Dokumente wie der Vorreiter ArXiv von Paul Ginsparg, mit seinem immer noch exponentiellen Anstieg von neuen Dokumenten, das neue HAL vom CCSD in Frankreich, oder Dissertationen Online : alles ist ''central archiving''.

Ein kleiner Nebensektor sind frei zugängliche Zeitschriften, bei denen die Autoren und nicht die Leser zahlen, wie z.B. NJP, oder ACP, und neuerdings das Springer Online Choice Model, insgesamt um die 10 % aller wissenschaftlichen Artikel.

Insgesamt sind dies verschiedene Realisierungen von ''open access'', dem Ziel maximalen Zugangs zum Wissen durch freien Verbreitung aber Belastung des Autors.

Elf Vorteile des Open Access für die Wissenschaft Bei Open Access bestimmt der Erzeuger und seine Institution die Zugriffsrechte, pflegt und überarbeitet das Dokument, - d.h. die, die das größte berufliche Interesse daran haben. Das Dokument ist unmittelbar nach Fertigstellung verfügbar, es kann danach in vielfältiger und angepasster Weise referiert und bewertet, annotiert und kommentiert werden. Es wird etwa erfahrungsgemäß im Mittel zehnmal mehr zitiert, und erst recht gelesen. Die Kosten der Vermittlung vom Autor zum Leser sinken um den Faktor zehn (s.u.). Das Prioritätsdatum wird gewahrt (im Gegensatz zu von Verlagen abgelehnten Dokumenten). Es gibt keine ''digital divide'', d.h. jeder, auch Nutzer in entfernten Ländern oder aus Instituten, die kein Geld für die Beschaffung oder Zeitschriftenbestellung haben, kann es lesen. Für digitale selbstarchivierte Dokumente gibt es keine Mengenbeschränkung, die Information kann vollständig und damit nachnutzbar vermittelt werden. Das Dokument ist langfristig verfügbar, weil es weltweit kopiert und archiviert werden kann. Es kann leichter gefunden werden, weil es von jeder Suchmaschine im Volltext durchsucht werden kann.

Was gibt es Neues?
Nun, nach zehn Jahren, erreicht die Diskussion die Wissenschaftsleitungsstrukturen. Durchbrüche sind
2003 die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities der deutschen Wissenschaftsorganisationen und Institutionen. Sie ruft zur freien Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Netz aus staatlich geförderten Instituten als Notwendigkeit für die maximale Verbreitung und damit maximale wirtschaftliche Verwertung neuer Ergebnisse;
2004 Die Göttinger Erklärung zur Novellierung des Urheberrechtsgesetzes, sodass die breite bequeme Nutzbarkeit von Wissen in Lehre und Forschung gesichert wird (Primat des maximalen Zugangs zum Wissen von mit staatlichen Mitteln gewonnener wissenschaftlicher Ergebnisse vor dem privaten Gewinnstreben von Autoren und Verlagen;
Seit 2003 die Möglichkeit von Wissenschaftsbibliotheken, ein Zertifikat der Deutschen Initiative für NetzwerkInformation DINI, einem Zusammenschluss von Informationsdienstleistern und Wissenschaftlern an den deutschen Hochschulen zu erwerben, dass für die Autoren und Leser wissenschaftlicher Dokumente aus der jeweiligen Universität die Auffindbarkeit über das Netz, Nutzbarkeit und Langzeitverfügbarkeit, Qualität und Integrität sicherstellt. .

Die meisten (ca. 85%) der großen wissenschaftlichen Zeitschriften erlauben inzwischen das ''individual selfarchiving'' durch den Autor, sodass der Zugang zum Wissen, wenn auch nicht der Komfort professioneller Zusatzdienste der Verlage für jeden schrankenlos gesichert ist.

Was wird nun folgen?
1865 reiste ein junger Mann durch Europa und fragte die prominentesten Wissenschaftler 'was für einen Dienst braucht ihr?' und setzte den damals einhelligen Wunsch nach referierten Zeitschriften um, - er hiess Elsevier.

Heute besitzen flexiblere, kleine und mittlere Unternehmen den vergleichbaren wirtschaftlichen Wagemut und die Fähigkeit, die kommende Marktnachfrage zu erkennen und den Wissenschaftlern bei der Umschreibung ihrer Anforderungen zuzuhören. Die zum Teil nun technisch relativ einfach zu realisierenden neuen Dienste werden von ihnen jetzt nach und nach realisiert und vermarktet. Dabei können sie sich des Rates entsprechender Institutionen wie DINI oder von Instituten, wie z.B. das RZ der Humboldt-Universität oder unseres ISN sowie von Prototypentwicklungen an Hochschulen bedienen.

Als Beispiel seien die neuen wissenschaftlichen referierten Open Access Online-Zeitschriften wie ACP Atmospheric Chemistry and Physics genannt, - ihr Preis spiegelt die tatsächlichen Herstellungskosten inklusive der Löhne wider: 20 Euro pro Seite oder ca. 200,- pro Dokument....


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Eberhard R. Hilf 2004-09-03